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Nr. 10Niederschrift einer Besprechung über die BrennstoffversorgungMünchen, Montag, 2. Juli 1945 Ende:
Anwesend:

Ministerpräsident Schäffer, Wirtschaftsminister Dr. Lange, der Leiter des Amtes für Ernährung und Landwirtschaft Rattenhuber, Ministerialdirektor Karl August Fischer (Innenministerium), der Leiter der Obersten Baubehörde im Ministerium des Innern Franz Fischer, Landesforstmeister Hoepffner, Oberbürgermeister Dr. Scharnagl, Reichsbahnpräsident Dr. Rosenhaupt, Major a.D. Schwink (Landeswirtschaftsamt), Faltermeier (Landeswirtschaftsamt), Münch (Kohlenwirtschaftsamt der Stadt München), Oberbergdirektor Zieglmeier (Bayerische Berg-, Hütten- und Salzwerke AG), Oberbergrat Dr. Ing. Drescher (Bayerische Berg-, Hütten- und Salzwerke AG), Ministerialrat Dr. Freudling (Finanzministerium).

Ministerpräsident Schäffer wies auf eine Anregung der Militärregierung2 hin, die Öffentlichkeit3 darauf vorzubereiten, daß im kommenden Winter für den Hausbrand keine Kohle bereitgestellt werden könne.4 Er wolle sich zunächst ein Bild darüber machen, welche Maßnahmen zur Versorgung mit Brennstoffen durchgeführt und welche Empfehlungen der Bevölkerung gegeben werden können.

I. Versorgung mit Kohle

1. Oberbergdirektor Zieglmeier 5 erörterte: die oberbayerischen Pechkohlengruben6 haben vor der Besetzung monatlich rd. 100.000 t versandt. Nunmehr ist der Versand auf etwa 50.000 t zurückgegangen. Die Gründe liegen in einer Minderung der Belegschaften (auf rd. 4.000 Mann), aus der die Kriegsgefangenen und die Fremdarbeiter ausgeschieden sind (rd. 2.000 Mann),7 in der Einschränkung der Arbeitszeit durch Kürzung der täglichen Arbeitszeit von 8 3/4 auf 8 Stunden und Wegfall der Sonntagsschichten (2 Sonntage des Monats) und der Wochenfeiertagsschichten, in der Minderung der Leistung durch Verschlechterung der Ernährung und Ausfall von Arbeitszeit, da vielfach Bergleute zum Schutze ihrer Familien und ihres Heimes vor Überfällen durch Ausländer der Arbeit fembleiben.8 Die Kürzung der Arbeitszeit und der Wegfall der Sonn- und Feiertagsarbeit9 hat eine Minderung von je 10%, insgesamt 20% zur Folge; beide leistungsmindernde Umstände sind nicht mehr zu beheben. Es wird [schin?] nur eine Höchstförderung von 80.000 t im Monat erreichbar sein.

Anzustreben ist

a) die Belegschaften um rd. 1.000 deutsche Bergleute aus noch kriegsgefangenen deutschen Bergleuten, möglichst aus in Oberbayern beheimateten Bergleuten zu ergänzen; diese 1.000 deutschen Bergleute sollen die ausgefallenen 2.000 Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter ersetzen;

b) die örtliche Sicherheit zu erhöhen, insbesondere durch Auflösung des in den letzten Tagen in Peißenberg neu gebildeten Polenlagers;

c) die Ernährung im Rahmen des Möglichen zu bessern. Gedacht ist zunächst an volle Ausnützung der Werksküchenzulagen durch Ausbau der für die Belegschaften unzureichenden Werkküchenanlagen. Ohne ausreichende Werkküchenanlagen können die zulässigen Zulagen nicht voll ausgenutzt werden.

d) die Bedürfnisse der Werke an Material (Grubenholz, Treibstoff) möglichst zu decken.

2. Die Förderung der Ruhr- und Saarreviere ist erheblich zurückgegangen. Im Ruhrgebiet sollen nur mehr 40.000 t täglich gegenüber 400.000 t gefördert werden; 5% dieser Förderung werden für den Eigenbedarf benötigt. Das Saargebiet soll nur mehr 15.000 Bergleute beschäftigen gegenüber 70.000. Die Kohlenvorräte dieser Gebiete sollen größtenteils abgefahren sein. Zufuhr aus fremden Revieren ist bisher nur im Wege des Tausches mit Lebensmitteln und Textilwaren möglich und zwar auf der Grundlage eines Mengenverhältnisses zwischen Kohlen und Tauschgut von 4:1 oder 1:1; das letzte Verhältnis ist wirtschaftlich nicht tragbar. Aus Mitteldeutschland sind bereits Lieferungen eingetroffen, die aber im nördlichen Bayern hängen geblieben sind; ebenso sind Züge aus Böhmen angelangt. Nach der Besetzung von Mitteldeutschland durch Rußland werden neuerliche Verhandlungen nötig.10 Zur besseren Entwicklung der Zufuhr aus dem Ruhrgebiet sollte mit Genehmigung des Hauptquartiers ein Vertreter ins Ruhrgebiet entsandt werden.11 Wünschenswert ist insbesondere die Inbetriebnahme des Gaswerkes München (früherer monatlicher Bedarf 14.000 t Kohle).

3. Die Armee hat 80% der Förderung der oberbayerischen Gruben beschlagnahmt, d. h. 40.000 t der Förderung von monatlich 50.000 t. Bisher sind noch Kohlenvorräte bei den Verbrauchern vorhanden gewesen. Es ist aber anzunehmen, daß bis Ende Juli auch das Lebensmittelgewerbe ohne Brennmaterial ist. Eine Versorgung des Hausbedarfes mit Kohle für den Winter erscheint nicht möglich.

4. Das Kohlenwirtschaftsamt der Stadt München wird eine Aufstellung über den Bedarf der Lazarette, Krankenhäuser, Wasch- und Badeanstalten, Großküchen an Koks bringen.12 Der monatliche Koksbedarf für Oberbayern und Schwaben war 50.000 t.

II. Versorgung mit Brennholz13

1. Die Militärregierung hat 720.000 Raummeter Holz zur Beheizung der Unterkunftsräume und zur Versorgung von armeewichtigen Betrieben beschlagnahmt. 360.000 Raummeter müssen bis 15.7., der Rest bis 15.10. bereitstehen. Die Landesforstverwaltung hat die erforderlichen Weisungen gegeben. Die Mengen werden vorwiegend aus Staatswald beschafft werden müssen, und zwar größtenteils aus bestehenden Vorräten. Die Privatwaldungen werden wenig liefern; der Einschlag in ihnen leidet durch die bevorzugte Heranziehung der Arbeitskräfte zu landwirtschaftlichen Arbeiten. Durch Neueinschlag sollen die gelichteten Vorräte ergänzt werden. Die beschlagnahmten Mengen müssen an die von der Militärregierung bestimmten Sammelplätze angeliefert werden; auch für den Transport hat die Landesforstverwaltung zu sorgen, nur für den Anfang übernimmt die Militärregierung Transporte. Der Antrag, durch weitere Dezentralisierung der Sammelplätze die Transporte zu erleichtern, wurde abgelehnt.

2. Im Jahre 1944 lagen dem Einschlag 160% des Hiebsatzes zugrunde; daraus errechnet sich ein Einschlag von 2, 9 Mio Festmeter = 4 Mio Raummeter Brennholz im rechtsrheinischen Bayern. Davon entfallen 3, 7 Mio Raummeter auf reines Brennholz, 30.000 Raummeter auf Generatorholz.14 Aus der Holzverarbeitung fallen 300.000 Raummeter ab, von denen 100.000 im Eigenverbrauch, 200.000 für Brennholz verwandt werden. Insgesamt ist daher mit einem Anfall von 4, 2 Mio Raummeter Brennholz zu rechnen. Soweit diese Zahlen Anfälle aus Nicht-Staatswaldungen betreffen, beruhen sie auf nicht ganz zuverlässigen Schätzungen. Aus Staatswald sind 1944 1, 078 [Mio] Festmeter = 1, 5 Mio Raummeter Brennholz angefallen. Nach Abzug der 720.000 Raummeter Lieferung an die Militärregierung und 400.000 – höchstens 450.000 Raummeter – Generatorholz sind aus dem Staatswald rd. 400.000 Raummeter Brennholz zur Verfügung für den allgemeinen Verbrauch zu erwarten. Mit Ergänzungen dieser Mengen ist zu rechnen aus der Selbstaufbereitung von Brennholz, aus der Verwertung des Trümmerholzes, aus Anfällen außerhalb der Wälder (Gärten, Parks, Alleen, Flußauen usw.). Aus Privatwaldungen können erhebliche Mittel anfallen. Besitzern solcher Waldungen sollten keine Kohle und kein Holz aus Staatswaldungen zugewiesen werden. Auch waldbesitzende Gemeinden sollten ihren Bedarf grundsätzlich aus eigenen Hieben decken, wie es schon bisher in den letzten Jahren gehandhabt worden ist.

Voraussetzung dafür, daß die angegebenen Mengen aus Staatswald bereitgestellt werden können, ist die Gestellung der erforderlichen Zahl von Waldarbeitern15, deren ausreichende Ernährung und die Erhaltung der bisherigen Löhne. Auch die Beschaffung der Werkzeuge stößt auf Schwierigkeiten; die reichlichen Vorräte sind in großem Umfange geplündert worden.16 Fraglich ist, ob das geplünderte Gut wieder beschafft werden kann. Von den Lohnkürzungen werden die Waldarbeiter kaum erfaßt werden, da sie das Existenz minimum schützen wird; eine in den nächsten Tagen stattfindende Besprechung im Finanzministerium über die Lohngestaltung in der Forstverwaltung wird sich dieser Frage zuwenden.

3. In den letzten Wochen haben sich viele widerrechtlich übergroße Mengen von Holz angeeignet. Die Forstverwaltung wird der Gendarmerie Angaben darüber machen, in welchen Bezirken besonders große Mengen Holz gestohlen worden sind; es soll versucht werden, das gestohlene Gut der Forstverwaltung wieder zuzubringen. Zunächst soll die Bevölkerung aufgerufen werden, von sich aus gestohlenes Holz zurückzugeben.

4. In (kleineren) Gemeinden werden Arbeitskolonnen aufgestellt, die in Gemeinschaftsarbeit Brennholz gewinnen. Brennholz bekommt nur der zugewiesen, der sich aus berechtigten Gründen an dieser Gemeinschaftsarbeit und am Holzlesen nicht beteiligen kann. Die Forstverwaltung hat nicht die nötigen Kräfte, um im verstärkten Forstschutz Mißbräuche des Holzlesens zu verhindern. Straßenkontrollen der Gendarmerie müßten Auswüchse feststellen.

III. Versorgung mit Torf17

Für die Gewinnung von Torf ist die Jahreszeit schon weit fortgeschritten; der Stich wird bis zum Winter nicht mehr austrocknen.

IV. Instandsetzung beschädigter Wohnräume/Beschaffung von Öfen

1. Der Mangel an Schnitt- und Werkholz, an Tür- und Fensterbeschlägen, an Nägeln, an Handwerkern macht es unmöglich, Wohnräume in ausreichender Zahl instandzusetzen. Der Holzvorrat ist sehr gering. Die Zufuhr aus Waldgebieten ist durch das Fehlen von Transportmitteln erschwert; vielfach haben die örtlichen Militärbehörden den Abtransport untersagt. Die Freigabe stößt auf Schwierigkeiten, solange der Bedarf der Armee nicht gedeckt ist.

2. Das Landeswirtschaftsamt wird eine Aufstellung über den Bedarf (Menge, Art), an Ofen- und Rauchofenblechen,18 Chamottesteinen [Schamottesteinen] für die Öfen, die Bezugsquellen, Verarbeiterfirmen, Transportmöglichkeiten bringen; das gleiche gilt für Flachglas.19

Im Abdruck an

1. den Herrn Wirtschaftsminister Dr. Arthur Lange in München, Leopoldstr. 28

2. den Herrn Leiter des Amtes für Ernährung und Landwirtschaft Ernst Rattenhuber in München, Prinz-Ludwigstr.

3. den Herrn Ministerialdirektor Karl August Fischer in München, Ministerium des Innern

4. den Herrn Leiter der Obersten Baubehörde im Ministerium des Innern Franz Fischer in München, Gewürzmühlstr. 21

5. den Herrn Landesforstmeister Hoepffner in München, Breisacherstr. 9

6. den Herrn Oberbürgermeister Dr. Karl Scharnagl in München, Rathaus

7. den Herrn Reichsbahnpräsidenten Dr. Karl Rosenhaupt in München, Prielmayerstr.

8. den Herrn Major a.D. Schwink in München, Leopoldstr. 28

9. den Leiter des Kohlenwirtschaftsamtes München Herrn Münch in München, Rochusstr. 6

10. den Herrn Oberbergdirektor Michael Zieglmeier in Peißenberg, Kohlenbergwerk

11. den Herrn Oberbergrat Dr.-Ing. Drescher in Peißenberg, Kohlenbergwerk

München, 9. Juli 1945
(Fritz Schäffer)
Bayerischer Ministerpräsident.